Grundlagen

Benjamin Wohlert - Fotografieren im Flow

Benjamin Wohlert - Fotografieren im Flow

 50 wertvolle Tipps für deine Entwicklung in der Porträtfotografie

 

 

Fotobuch-Regal.de - Rezension: Benjamin Wohlert - Fotografieren im Flow

 

 

Inhalt:

 

 

Der Autor:

 

Benjamin Wohlert ist junge 26 Jahre alt und studiert zurzeit noch Maschinenbau.

Über das Interesse an der Natur- und Landschaftsfotografie kam er wie viele Fotoenthusiasten zu diesem Hobby, bis er im Familienkreis anfing, sich auch an der Personenfotografie zu versuchen und sich auf diese zu fokussieren.

 

Er bezeichnet sich als eher introvertiert und hat alle Schwierigkeiten der "Ersten Schritte" in der Porträtfotografie selbst kennengelernt. Mit seiner eigenen Fotografie hat er auch gelernt, sich selbst persönlich weiterzuentwickeln, heute kann er besser auf andere Menschen zugehen und sich auf Unbekanntes einlassen.

 

Zusammen mit Annalena Geilke hat er festgestellt, dass viele Herausforderungen der Porträtfotografie und die eines Hochschulstudiums sich um die gleichen Bereiche der Persönlichkeitsentwicklung drehen.

So teilen beide ihre persönlichen Erfahrungen aus den Bereichen Persönlichkeitsentwicklung, Personenfotografie und Mathematik im Podcast: „Fotografie+Mathe+Persönlichkeitsentwicklung“, welcher über die üblichen Podcast-Plattformen wie zum Beispiel Apple Podcasts / iTunes zu finden ist.

 

 

Das Buch:

 

Das Buch Fotografieren im Flow von Benjamin Wohlert (*) ist im Eigenverlag erschienen und bei Amazon als eBook zum Download oder als gedrucktes Taschenbuch erhältlich.

Auf rund 140 Seiten bietet es 50 Tipps, um als Anfänger mit der Porträtfotografie starten und sich mit dieser fotografisch entwickeln zu können.
Die eigene Kamera sollte man schon sicher bedienen können, das Buch richtet sich also nicht an den Anfänger der Fotografie, der die Bedienung seiner Kamera noch lernen möchte. Eine derartige Anleitung ist hier nicht enthalten.

 

Dieses Buch richtet sich an alle Anfänger der Personenfotografie, sei es, dass der Leser gerade seine erste Kamera sicher bedienen kann oder er schon ein fortgeschrittener Fotograf in anderen Bereichen ist und nun diese fotografische Sparte erstmals ausprobieren möchte.

Weil er damals für sich selbst keine passende Anleitung gefunden hat, hat er nun im relativ jungen Alter sein erstes eigenes Buch geschrieben, um anderen Porträtanfängern seinen Leitsatz näherzubringen:
Selbermachen und Ausprobieren.

 

In seiner Bucheinleitung schreibt er:

„Überfliege einmal den Inhalt und springe direkt zu den Tipps, die für dich interessant klingen und die du als Erstes umsetzten kannst. Beschäftige dich dann tiefer mit diesen Ratschlägen, denn oft steckt sehr viel mehr drin, als es die Kürze des reinen Textes vermuten lässt. Es ging mir beim Schreiben nicht darum, möglichst viel Lesetext zu schaffen, sondern dich direkt zur Umsetzung anzuregen. Das Buch ist nicht zum einmaligen Durchlesen von vorne bis hinten und anschließendes Abstellen im virtuellen Bücherregal gedacht.“

 

Zielgruppe Anfänger:

 

Wer sich für die Porträtfotografie bereits interessiert und die ersten Erfahrungen darin gesammelt hat, wird sich in einer Rückschau auch noch an die damals aufgetretene Schwierigkeit erinnern können:

Die anfängliche Hürde des Anfanges an sich überhaupt zu überspringen.

 

Benjamin selbst hat im Jahr 2016 relativ lange, fast über ein Jahr, gezögert, mit der fotografischen Umsetzung anzufangen, da er sich unter anderem diese Fragen stellte:

Wie finde ich ein Modell, auch wenn ich noch keine Bildergebnisse mit anderen Modellen vorweisen kann, welche Location und Lichtsituation sollte ich mir vorteilhafterweise aussuchen, welche Posen sollte ich ausprobieren, … , um den Start möglichst einfach zu gestalten?

 

Seine Empfehlung als mittlerweile erfahrener Fotograf mit über 100 porträtierten Personen lautet:
Fang einfach an und sammle Erfahrungen.

 

Trotzdem ist es so, dass es zwar die ganz Selbstbewussten unter uns gibt, die genau wissen, wie man die vielen anfänglichen Fragen einfach beiseitestellt und sich intuitiv ausprobiert, die Unsichereren unter uns finden hier 50 Tipps, um sich den Start nicht unnötig schwer zu gestalten.

Benjamin liefert dabei keine komplizierten Rezepte für das „perfekte Bild“, sondern ganz praktische Ratschläge, die jeder gleich in die Praxis umsetzen kann.

 

Zielgruppe Fortgeschrittene:

 

Auch der leicht fortgeschrittene Leser kann tiefer in die Porträtfotografie einsteigen:

 

Beim Betrachten des Buchs fiel mir zunächst einmal das Buchcover auf; das Titelfoto wirkt auf mich interessant und irgendwie geheimnisvoll:

Die Lichtsetzung ergibt eine Art natürliche Vignette. Der europäische Betrachter kommt typischerweise mit dem Blick von links oben ins Bild, schaut dann zur Aufmerksamkeit erregenden helleren Bildmitte, gelangt somit zum knack-scharf abgebildeten Auge mit dem hellsten Punkt im Bild, der Reflexion im Auge. Der weitere Blick nach rechts wird dann von der Schattenkante blockiert, folgt den helleren Haaren in einer Art natürliche Linienführung nach unten ins Bild und kommt durch die fortlaufende Rundung wieder beim darüber sichtbaren Auge an.

Ich finde das Bild sehr ansprechend, so wie fast das gesamte Bildmaterial bis auf ein oder zwei Ausnahmen. Nicht nur die porträtierten Personen sind sehr attraktiv, auch die Posen, die Porträts in ihrem gesamten Charakter. Die Fotos wirken auf mich stark, dabei aber natürlich und authentisch.

 

Unter den 50 Tipps finden sich keine Geheimwissenschaften, aber viele Hinweise, die man zunächst schnell überliest, weil man sich deren Bedeutung erst mit zunehmender fotografischer Erfahrung bewusst wird.

 

So zum Beispiel auch sein Tipp mit einem fotografischen „Flow“ zu arbeiten, also gerade nicht Anfänger-typisch direkt nach jedem Auslösen die Kamera vom Auge zu nehmen und auf das hintere Kamera-Display zu starren.
Die Interaktion zwischen Fotograf und Modell muss sich erst entwickeln, genauso wie das gegenseitige Vertrauen und der daraus resultierende Ausdruck der fotografierten Person.

Jede Ablenkung von dieser Interaktion zwischen Fotograf und Modell ist kontraproduktiv, sei es eine Ablenkung von außen wie ein klingelndes Handy oder eine unnötige negative verbale Kommunikation des Fotografen oder sein ständiges Blicken auf das Display.

 

Diese Erfahrung habe ich selbst schon mal gemacht, als mich ein Workshop-Leiter auf meine damals Anfänger-typische Verhaltensweise hingewiesen hat.

Gelesen hatte ich diesen Ratschlag damals trotz Kenntnis vieler Bücher noch nicht. Hier in diesem Buch ist er neben 49 weiteren Tipps zu finden.

 

Die Tipps:

 

Benjamin möchte mit seinen Porträts nicht nur eine reine Abbildung der porträtierten Person anfertigen, sondern dem Betrachter des Fotos eine tatsächliche Charakterseite der porträtierten Persönlichkeit zeigen.

Heute sagt über sich selbst, dass es seine Leidenschaft ist, die Menschen von ihrer schönsten Seite abzulichten und ihnen mit seinen Fotos zu zeigen, wie schön diese sind.

 

Sein genereller Ratschlag: Den Start in die Porträtfotografie möglichst simpel zu gestalten, bei jeder einzelnen Gelegenheit sich nur ein oder zwei Verbesserungen der eigenen Arbeitsweise vorzunehmen, sich nicht Zuviel auf einmal vorzunehmen.

So bevorzugt er für den Anfang auch ausschließlich natürliches Licht, um nicht parallel noch die Komplexität des Blitzens bewältigen zu müssen.

 

Einige Tipps wird der Leser auch schon mal gehört haben, aber Benjamin weist auch noch einmal darauf hin, dass Kennen noch nicht (konsequent) Anwenden heißt.

 

Wenn man sich Benjamins Homepage und seinen dortigen Blog anschaut, kann man in den Bildbeispielen viele der im Buch enthaltenen Tipps wiederfinden.

Unter dem Blogeintrag „Porträt-Serie - Träume mit Michelle“ fängt mich zunächst einmal wieder das intensive und interessante Aufmacher-Foto ein. Ein Bild dieser Serie findet sich im Buch auch auf Seite 35.
Die weiteren Fotos ähneln aneinander kaum, teilweise muss ich zweimal hinsehen, um zu erkennen, dass es sich um das gleiche Gesicht handelt, so unterschiedlich sind die Fotos.

Vergleicht man diese Fotos miteinander, kann man seinen vermeintlich simplen Rat aus dem Buch besser nachvollziehen, bei einer Aufnahmegelegenheit nicht nur eine Vielzahl von Bildern, sondern auch ganz unterschiedliche Perspektiven aufzunehmen, um möglichst viele Facetten einer Person einzufangen.

 

 

Fotobuch-Regal.de - Rezension: Benjamin Wohlert - Fotografieren im Flow - Vorderseite

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Fotobuch-Regal.de - Rezension: Benjamin Wohlert - Fotografieren im Flow - Rückseite 

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Fazit:


Das Buch erinnert mich vom Stil her an den amerikanischen Autor Scott Kelby. Dieser schreibt Bücher, die man nicht fortlaufend von vorne bis hinten lesen muss, keine Lehrbücher im eigentlichen Sinne also.

So wie dieses Buch eher eine Aneinanderreihung von Tipps darstellt, sodass der Leser an beliebiger Stelle anfangen und nach Lust und Kapitelthema fortfahren kann.

 

Es ist auch erfreulicherweise kein Technikbuch.

Die Kameratechnik kommt als ein völlig untergeordnetes Thema erst am Ende des Buches auf nur drei Seiten zur Sprache. Ich persönlich bevorzuge derartige Monografien, so wird die leider übliche Wiederholung der fotografischen Basics vermieden.

 

Das Buch ist eine Lösung für folgende Situation, die mir aus eigener Erfahrung und von vielen Workshops bekannt ist:

 

Ein mit der Kameratechnik vertrauter Hobbyist kommt zu einem Foto-Workshop, um die Porträtfotografie zu lernen. Es ist sich unsicher, wie er gute „Menschen“-Bilder anfertigen kann, was dafür wichtig zu wissen ist. Oder er vermutet schon, dass dafür der Ausdruck des Menschen vor seiner Kamera ausschlaggebend sein könnte, und er fragt sich, wie er mit der porträtierten Person am besten interagieren kann.

Die meisten Fragen und Unsicherheiten bei solchen Workshops werden zum Anfangen mit der Porträtfotografie an sich und zur Kommunikation mit dem Modell gestellt. Vielleicht hat dieser Anfänger gar kein erfahrenes Modell, sondern ein normales Familienmitglied oder eine Person aus dem Bekanntenkreis vor der Linse. Gerade solche Person sind anfangs besonders unsicher, weil sie noch nie vor der Kamera standen oder gar negative Erfahrungen gemacht haben, sei es mit dem letzten Fotografen oder den Bildergebnissen.


Hier in diesem Buch findet man 50 gute Ansätze, wie man als Anfänger die Porträtfotografie angehen und sich darin verbessern kann:

Angefangen vom Finden seiner ersten „Menschen“ vor der Kamera, über geeignete Aufnahmesituationen, förderliche Posen, bis zu einer positiven Kommunikation miteinander, um das Ganze zu einem angenehmen Erlebnis für alle Anwesenden, den Fotografen und das Modell, zu machen. Damit dann als Ergebnis ansprechende, natürliche und authentische Porträts entstehen können.

 

Tolle Porträts spiegeln für mich immer die individuellen Emotionen wider.

Man könnte mit den einzelnen Kapiteln zum Thema Lichtsetzung, Posing, Kommunikation, Kreativität ganze einzelne Bücher füllen.
Das Hauptproblem des Anfängers ist aber zumeist eine Handlungsunsicherheit, sei es die eigene Unsicherheit als Fotograf oder die Unsicherheit des Modells. Derartige negative Emotionen übertragen sich sogar auf die jeweils andere Seite.

 

Ich finde Benjamin Wohlerts Ratschläge wegen der Praxisnähe gerade für die Anfänger der Porträtfotografie sehr empfehlenswert; ich hätte dieses Buch gerne vor meinem ersten eigenen Porträttag als Fotograf gelesen.

Hier finden sich komprimiert 50 allgemein verständliche und auch umsetzbare Ratschläge, um als Anfänger typische Unsicherheiten gleich bei den ersten Versuchen überbrücken zu können.

 

Ich wünsche viel Freude und Erfolg mit dem eigenen Start in die Porträtfotografie!

 

Wer sich für ein paar zusätzliche Tipps von Benjamin interessiert, findet hier seinen Gastbeitrag: Porträtfotografie im Flow – wie machst Du bessere Porträts mit unerfahrenen Models?

 

 

Buchdaten:

 

Format: Taschenbuch & eBook
   
ca. Maße (BxLxT): 15 x 23 x 1 cm
Seitenanzahl: 146
ca. Gewicht:  
   
Autor(en): Benjamin Wohlert
Verlag: Eigenverlag
Auflage: 1
Erschienen am: 08.05.2020
   
ISBN: 9798644094370
Preis in (D): 24,98 € / 9,99 €

 

 

Links:

 

Link: Benjamin Wohlert - Fotografieren im Flow *

 

Link: Benjamin Wohlert - Homepage

Link: Benjamin Wohlert - Instagram

 

Link: Benjamin Wohlert - Podcast: Fotografie+Mathe+Persönlichkeitsentwicklung

Link: Benjamin Wohlert - Podcast (auf Apple Podcasts)

 


* Als Affiliate-Partner verdienen wir an qualifizierten Verkäufen. Amazon und das Amazon-Logo sind Warenzeichen von Amazon.com, Inc. oder eines seiner verbundenen Unternehmen; Link: weitere Infos dazu

 

Benjamin Wohlert - Portraitfotografie im Flow

Benjamin Wohlert - Portraitfotografie im Flow

 

Wie machst Du bessere Portraits mit unerfahrenen Models?

 

 
4 untypische Tipps, mit denen Du Menschen so fotografierst, dass sie hinterher nicht nur von den Bildern positiv überrascht sind, sondern sich beim Fotografiert-Werden auch super wohlfühlen!

 

Eines vorweg: Wenn Du das hier Gelesene „mal eben schnell“ anwenden möchtest, wird das nicht funktionieren. Portraitfotografie hat sehr viel mit Kommunikation zwischen Menschen zu tun, und diese braucht ihre Zeit.

 

 

1) Zeit ist ein extrem wichtiger Faktor


Sorge dafür, dass Du ausreichend Zeit für das Shooting hast und nie Hektik aufkommt.


Du solltest Dir keine Termine für nach dem Shooting festlegen, sonst hast Du diese permanent im Hinterkopf…
Wenn Du Dir Zeit nimmst fürs Fotografieren, vor allem auch für die wichtige Kennenlernzeit davor und für Pausen, wirst Du mit wesentlich besseren und natürlicheren Gesichtsausdrücken deines Models belohnt.

Meine Erfahrung zeigt, dass die Leute sich hinterher hauptsächlich Fotos aus der zweiten Hälfte (nach ca. 2-4 Stunden!) des Shootings aussuchen – und das ist kein Zufall.
Hier sind sie einfach mehr „sie selbst“ auf den Bildern und daher gefallen sie sich dort viel besser. Aber auch Betrachter des Bildes, die die Person überhaupt nicht kennen, bewerten die später gemachten Fotos deutlich besser.


Man spürt es einfach, wenn ein Blick oder ein Ausdruck ehrlich, unverkrampft und einfach echt ist!

 

2) Schau nicht so oft aufs Kameradisplay


Ich weiß, dass das verlockend ist. Man macht ein Foto, und hat das Gefühl, es ist gut geworden. Dann nur mal schnell einen Blick darauf werfen! Schon bist Du wieder raus aus dem Flow.

 

Aber das Model will doch auch zwischendurch Bilder sehen, sagst Du? Ich erkläre vorher immer, dass es so meine Art ist, keine Bilder während des Shootings zu zeigen (Ausnahme: In den Pausen). Das wurde bisher immer akzeptiert. Solange ich selbst nicht ständig am Display hänge, ist das auch gar kein Problem!
Viele Fotografen sagen, ihre Modelle wollen doch die Rückmeldung über die Bilder, weil diese sehen möchten, wie sie auf dem Bild wirken und wissen wollen, was sie anders machen sollten beim Posing oder Ausdruck.
Sie sagen, das gäbe der Person doch Sicherheit.

 

Ich verfolge da einen anderen Ansatz: Beim Fotografieren achte ich auf alles, und das Vertrauen zwischen Fotograf und Model kann gerade dadurch wachsen, dass es mir diese Kontrolle überlässt.
Bedenke auch: Es geht hier ums Fotografieren von Anfängern, oder Menschen, die noch nie vor der Kamera standen. Das „falsche Bild“, das Du zwischendurch zeigst, kann für viel mehr Unsicherheit sorgen, als ein „richtiges Bild“ für Sicherheit sorgen würde.

 

Mein Rat: Stelle die Rückschauzeit von Fotos an Deiner Kamera aus. Mache Bildserien von 15-20 Bildern und kontrolliere dazwischen mit einem raschen Blick, ob die Einstellungen der Kamera noch passen. Je erfahrener Du wirst, desto länger können Deine Bildserien werden, bevor Du wieder aufs Display schaust.

 

3) Emotionen spiegeln sich


Gefühle werden immer zwischen Menschen gespiegelt. Vielleicht hast Du davon schon mal gehört. Das bedeutet, wenn Du unsicher wirkst, ist es Dein Model ebenfalls!

 

Daher solltest Du mit Deinem Verhalten signalisieren, dass das Model bei Dir in guten Händen ist und sich voll auf Dich verlassen kann.
Nutze dies zu Deinem Vorteil – wenn Du zum Beispiel lachende, gut gelaunte Bilder haben möchtest, sei ansteckend lustig, aber natürlich nicht zu albern. Ernst zu sein und eine Anweisung zu bringen wie „jetzt mal offen Lachen“ führt nur in den seltensten Fällen zu natürlich wirkenden Ergebnissen!

 

Übrigens finde ich mittlerweile, dass in sehr vielen Fällen ein ernster oder zumindest neutraler Gesichtsausdruck eine professionellere Wirkung auf einem Foto hat.
Das ist auch eine Stilfrage – es gibt Menschen, die stehen total auf freudestrahlende Bilder, für andere sind permanente Lach-Fotos die pure Qual – Das ist definitiv etwas, das Du im Gespräch mit dem Model herausfinden solltest.

 

4) Tu das, was das Wohlbefinden Deines Models steigert und eliminiere alles, das es mindert


Es gibt vieles, das sich negativ auf das Wohlbefinden Deines Models auswirken kann.

Um nur ein paar Punkte zu nennen: „Zuschauer“ beim Shooting jeglicher Art (ja, auch Assistenten oder der Freund/die Freundin!), Hunger, Durst, Zeitdruck/Stress, zu helles Licht, Kälte oder Hitze, unbequeme Schuhe, Kleidung, in der sich die Person nicht wohlfühlt…

 

Kehre einfach all diese negativen Dinge um bzw. beseitige sie – dann machst Du schon mal eine Menge richtig.
Versetze Dich in den Menschen hinein und überlege Dir, was Dich stören würde. Und wo Du Dir nicht sicher bist, frag beim Model nach!

 

Wenn Du die Ausdauer hattest, bis hierhin zu lesen, Glückwunsch :)

Nun an die Umsetzung! Wenn Du auch nur die Hälfte von dem Gesagten dauerhaft anwendest, garantiere ich Dir, dass Du Dich automatisch verbessern wirst!

 

Ich wünsche Dir bei allen weiteren Fotoshootings viel Erfolg, eine schöne Zeit und allzeit gut‘ Licht!


Weitere Fotografie-Tipps finden sich immer mal wieder unter meinen Fotos auf Instagram (Link siehe unten) und natürlich in meinem Buch "Fotografieren im Flow"!

 

 

Haje Jan Kamps - Die Regeln der Fotografie

Haje Jan Kamps - Die Regeln der Fotografie

… und wann man sie brechen sollte

 

Fotobuch-Regal.de - Rezension: Haje Jan Kamps - Die Regeln der Fotografie

 

 

Inhalt:

 

Dieses Buch trägt den ungewöhnlichen Titel: Haje Jan Kamps - Die Regeln der Fotografie … und wann man sie brechen sollte …*

 

Für die Bildgestaltung und viele andere Aspekte in der Fotografie gibt es „Regeln“, wie z.B. die der recht bekannten „Drittelregel“. Solche Regeln haben sich über lange Zeit schon aus den Erkenntnissen der Malereikunst entwickelt.

Die damaligen Maler haben bereits erkannt, dass ihre Werke von der Einhaltung dieser Bildgestaltungsregeln profitieren.

 

Haje Jan Kamps scheint ein internationales Multitalent und ein Problemlöser zu sein:

Er ist in den Niederlanden mit Jahrgang 1981 geboren, wuchs in Norwegen und England auf, lebt mittlerweile in den USA und arbeitet für das Venture-Capital-Unternehmen Bolt. Kamps hat auch schon sein eigenes Fotografie-Start-Up gegründet, die bekannte Hardware/Software-Lösung namens Triggertrap. Diese mittlerweile wieder eingestellte App konnte über ein Smartphone Kameras oder andere Hardware steuern und galt als ein besonders innovativer Fernauslöser für Fotokameras. Zudem hat er eine Online-Fotoschule gegründet und schon rund zehn Bücher zum Thema der Fotografie veröffentlicht.

 

Ich kenne viele Fotolehrbücher, aber kein anderes Buch, das sich so singulär, thematisch aufbauend und dann gegenüberstellend mit diesen Regeln bei der Fotografie beschäftigt.

 

Der Autor füllt diese Lücke, indem sein Buch die Regeln zunächst thematisch sinnvoll nach den fotografischen Oberbegriffen der Belichtung, Komposition an sich, Kompositionstechniken, möglichen fotografischen Konzepten, Licht und Digitalen Dunkelkammer gruppiert. Dann werden diese einzeln mittels Text und Belegbildern auf zumeist einer Doppelseite erklärt. Die darauf folgende (Doppel-) Seite thematisiert konträre Situationen, bei denen sich das Brechen dieser Regel empfiehlt.

„Die goldenen Regeln zu kennen hilft … dabei, hervorragend, statt nur durchschnittlich zu fotografieren. Um aber wirklich die nächste Stufe zu erreichen, müssen wir noch eins drauflegen: Sie müssen erkennen lernen, wann es eine gute Idee ist, die Regeln zu brechen.“

 

Die Existenz und das Überleben dieser Regeln bis heute rechtfertigen den Grundsatz, dass ein Fotograf diese Regeln kennen sollte. So stellt ein Anfänger sein Fotomotiv häufig in die Bildmitte und fast jedes Foto gewinnt durch die Anwendung der Mutter-der-Bildregeln, der Drittelregel. Für die meisten Fotos passen diese Regeln, die fotografischen Ergebnisse gewinnen an Qualität hinzu.

Andere wenige Motive hingegen wirken viel besser, wenn man die jeweilige Regel nicht anwendet. Hier in diesem Buch werden die Regeln umfassend aufgezählt, sowohl der Anwendungsfall erklärt, als auch Motive für ein Abweichen von diesen gezeigt. Die abgedruckten Bilder visualisieren dabei sofort die Vorteile beider Möglichkeiten.

 

Dieses Buch wurde 2017 im dpunkt.Verlag veröffentlicht, es handelt sich dabei aber um die deutsche Übersetzung der englischen Originalausgabe aus dem Jahr 2012.

Dies erwähne ich, da sich die Buch-Einleitung mit Ausrüstungstipps und ein paar Grundlagen der Fotografie beschäftigt. Zu meiner Verwunderung beinhalten der Text und die Bilder Kameramodelle, die, wie z.B. das Olympus E - SLR-System, seit Jahren nicht aktuell und daher auch nicht mehr auf dem Markt sind. Die Kameratechnik hat sich seitdem deutlich weiterentwickelt und somit sind auch die Angaben zu ISO und Rauschverhalten auf diesem überholten Stand stehengeblieben.

 

Die von Kamps im Folgenden genannten weiteren 78 Regeln sind aber zeitlos und aktuell, da sie die Bildgestaltung betreffen.

 

 

Fotobuch-Regal.de - Rezension: Haje Jan Kamps - Die Regeln der Fotografie - Vorderseite

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Fotobuch-Regal.de - Rezension: Haje Jan Kamps - Die Regeln der Fotografie - Rückseite

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Fazit:


Das Einführungskapitel mit den ersten rund 25 Seiten ist veraltet, ich halte es insgesamt auch für entbehrlich. Ein Anfänger kann sich mit diesem Buch alleine die fotografischen Grundlagen nicht erarbeiten. Hat er aber die ersten Schritte mit einer anderen Anleitung gelernt, das System von ISO-Blende-Zeit und den anderen Grundlagen verinnerlicht, findet er hier auf den folgenden rund 160 Seiten eine lehrreiche Gegenüberstellung der fotografischen „Regeln“.

Für jeden Einsteiger in die Fotografie lohnt es sich, diese Regeln zu kennen, zu beachten und bei passender Gelegenheit, diese auch zu brechen. Das Bildmaterial verdeutlicht die Textaussagen sehr gut.

Selbst ein Fortgeschrittener profitiert hier mittels einer kompakten Wiederholung. In anderen Fotobüchern sind diese Regeln immer nur am Rande und nicht so gegenüberstellend zu finden.

 

Letztlich geht es hier nicht um ein sklavisches Anwenden oder lustvolles Brechen irgendwelcher Regeln.

 

Nur wer diese Regeln im ersten Schritt kennt, kann die Gründe für deren Anwendung verinnerlichen. Der Fotograf erkennt dann zudem diejenigen Fälle, bei denen sich eine andere Herangehensweise empfiehlt. Somit ist er in der Lage, durch eine bewusste Entscheidung seine Fotos zu gestalten und gleichzeitig den Eindruck zu vermeiden, sein Bildstil sei durch Fehler oder Unachtsamkeit entstanden.

Dies kennt man z.B. von Fotos mit einem nur leicht schiefen Landschaftshorizont; nach dem Lesen dieses Buchs wird man den sog. „Dutch Angle“, bzw. den „Dutch Tilt“, die schräge Kameraperspektive, nur noch deutlich ersichtlich einsetzen wollen.

 

Brich keine Regel, die Du nicht kennst! Und wenn, dann lass es richtig krachen, damit es nicht wie ein Versehen aussieht!

 

 

Buchdaten:

 

Format: Taschenbuch
   
ca. Maße (BxLxT): 19,5 x 26 x 1,5
Seitenanzahl: 192
ca. Gewicht: 680 g
   
Autor(en): Haje Jan Kamps
Verlag: dpunkt
Auflage: 1
Erschienen am: 30.10.2017
   
ISBN: 9783864904844
Preis in (D): 24,90 €

 

Links:

 

 Haje Jan Kamps - Die Regeln der Fotografie … und wann man sie brechen sollte …*

*

 

Link: Haje Jan Kamps - Homepage

Link: dpunkt.Verlag

 


* Als Affiliate-Partner verdienen wir an qualifizierten Verkäufen. Amazon und das Amazon-Logo sind Warenzeichen von Amazon.com, Inc. oder eines seiner verbundenen Unternehmen; Link: weitere Infos dazu

 

Ibarionex Perello - Mein Foto

Ibarionex Perello - Mein Foto

Mit Leidenschaft und Planung zum eigenen fotografischen Workflow

 

Fotobuch-Regal.de - Rezension: Ibarionex Perello - Mein Foto

 

 

Inhalt:

 

 

Der Autor: Ibarionex Perello

 

Der Name Ibarionex Perello ist in Europa bislang wenig bekannt.

Ganz anders in den USA: Perello hat über 25 Jahre Erfahrung in der Fotografie, als Angestellter der Fa. Nikon, er hat mehrere Bücher über dieses Thema geschrieben, an Hochschulen dazu unterrichtet und gilt als einer der besten Podcaster der Fotografie-Szene. Zurzeit arbeitet er als freischaffender Fotograf, Autor und Podcaster.

„Die Reihenfolge der Nennung wechselt jeden Tag“, wie er sagt.

 

Sein englischsprachiger Fotografie-Podcast „The Candid Frame“ hat zum Zeitpunkt Mitte 2019 bereits die Folgennummer 470 innerhalb von 13 Jahren veröffentlicht und nicht zuletzt aus diesen hunderten Gesprächen und Diskussionen über das breite Feld der Fotografie, hat er sich ein tiefes Verständnis der Materie verschafft.

Wer seinen Podcast verfolgt, stellt fest, dass er den häufigen Technikdiskussionen überdrüssig geworden ist, ihn mehr die kreative Arbeit mit bereits vorhandener Technik interessiert und er mit Menschen über Visionen, Emotionen und Gefühle bei der Fotografie diskutieren möchte.

 

Aus diesen Gesprächen entwickelt sich auch seine eigene persönliche Inspiration und er hofft, dass dies auch für alle Zuhörer gilt.

 

Das Buch: Mein Foto

 

Das vorliegende Buch Ibarionex Perello - Mein Foto* aus dem dpunkt.Verlag ist die erste deutschsprachige Übersetzung des amerikanischen Titels „Making Photographs“, verlegt im dortigen renommierten amerikanischen Rocky Nook Verlag.

Der Autor widmet sich mit diesem Werk den zwei zentralen Herausforderungen der Fotografie: In der heutigen Zeit sei es so einfach, ein Foto zu machen. Man nimmt „die Kamera ans Auge, drückt auf einen Knopf, und schon hat man sein Foto.“

 

Wie kann man aber fotografische Möglichkeiten im Alltag überhaupt erkennen und nach deren Entdeckung dies dann – konstant und wiederholbar – als „gutes“ Foto aufnehmen? Was unterscheidet einen Schnappschuss von einem gestalteten Foto?

Perello hat dazu seine eigene persönliche Sichtweise entwickelt und lässt den Leser an seiner Erkenntnis teilhaben. Er schreibt, dass mehrere Voraussetzungen vorliegen müssen, um überhaupt ein gutes, weil gestaltetes, Bild anstatt einem simplen Schnappschuss machen zu können.

 

Diese beschreibt er in den folgenden Kapiteln ausführlich.

 

1. Voraussetzung: Das persönliche Befinden

 

Die Basis aller Fotografie stellt für ihn eine passende Geisteshaltung zum Zeitpunkt der Aufnahme dar:

Er sieht sich selbst als Perfektionisten, muss aber seine hohen Ansprüche mit einer realistischen Perspektive abgleichen, um überhaupt zu Fotos gelangen zu können.

 

Durch kontinuierliche Notizen speziell zum eigenen kreativen fotografischen Prozess lernte er sich als Fotograf fortlaufend besser kennen. Er empfiehlt allen Lesern, ebenfalls ein solches kreatives Notizbuch zu führen, um Erkenntnisse zur eigenen Person zum Zeitpunkt des Aufnahmeprozesses zu gewinnen: unter welchen äußeren Umständen man entspannt bei der Fotografie war, herausgefordert oder gar ängstlich agiert hat. Wann der Aufnahmeprozess Freude gemacht hat, wann Bedenken oder Sorge von einem Bild abgehalten haben, Müdigkeit, Hunger oder Leistungsdruck hinderlich waren, wann hat etwas besonders gut funktioniert.

Der nachträgliche Abgleich der Befindlichkeiten mit den fotografischen Ergebnissen führt zu einer Eigenreflexion der eigenen Möglichkeiten, Erwartungen, Umstände und Resultate. Man kann herausfinden, welche spezifischen Umstände zu diesen weniger guten oder besonders guten Erfahrungen führten und was man daran zukünftig zum Positiven ändern könnte.

 

„Meine Gefühle sind untrennbar mit meinem Bilderschaffen verbunden, manchmal zum Vor-, manchmal zum Nachteil“.

 

2. Voraussetzung: Bereit sein

 

Auf diese Basis baut das grundlegende technische Verständnis für die Kamera und die Fotografie im Allgemeinen auf; ein Fotograf müsse „bereit“ sein.

„Beim Drücken des Auslösers geht es nicht nur um den richtigen Augenblick. Vielmehr handelt es sich um ein Zusammenwirken vorausgegangener Entscheidungen“.

 

Dazu sieht Perello die Kamera nur als eine Verlängerung des eigenen Arms an. Er empfiehlt über die reine Technik und Bedienung der Kamera insofern heraus zuwachsen, dass man sie quasi blind, vergleichbar mit den Bedienelementen eines Autos, bedienen kann. Neben der Kenntnis der relevanten Einstellungsmöglichkeiten gehört ausreichend vorherige Übung dazu.

Zudem wählt er an seiner Kamera die immer gleichen Grundeinstellungen als Basis, um z.B. bei der Street-Fotografie auf jede auftauchende Fotogelegenheit blitzschnell reagieren zu können. Nur wenn diese Grundeinstellungen immer gleich vorgenommen wurden, kann er sie ohne weitere Überprüfung der Kamera quasi blind auf die dann erforderlichen Abweichungen einstellen.

Die erste bewusste Entscheidung ist also ein ausreichendes vorheriges Training und die Wahl konstanter Kameraeinstellungen, um keine Gelegenheiten mehr zu verpassen.

 

„Ein Fehler vieler Fotografen besteht darin, dass sie fotowürdige Momente ausschließlich bei besonderen Gelegenheiten wie Urlauben oder Geburtstagen vermuten.“

„Verpasste Gelegenheiten: Die Welt steckt voller fotografischer Möglichkeiten. Die Frage ist nur, ob der Fotograf darauf vorbereitet ist, diese zu nutzen, oder eben nicht“.

 

3. Voraussetzung: Das fotografische Sehen lernen

 

Eine weitere bewusste Herangehensweise und gleichzeitig eine große Herausforderung für jeden Fotografen, ist das Erlernen des „fotografischen Sehens“. Der Fotograf müsse seine Umgebung nicht nur lediglich „gegenständlich“ sehen, Motive nach dem eigentlichen Gegenstand wahrnehmen und beurteilen.

Man solle zumindest bei der Fotografie den visuellen Autopiloten, das normale gewohnheitsmäßige Sehen, ablegen und lernen, die vier zentralen visuellen Elemente einer Bildgestaltung zu erkennen und diese dann gestalterisch in das Foto einfließen zulassen.

 

Ibarionex Perello beschreibt diese zentralen Elemente wie folgt:

Ein Element ist das Erkennen (können) von Licht und Schatten und der Erkenntnis, dass ein Lichtpunkt ein Blickfang ist: „Eins der einleuchtendsten und zugleich wichtigsten Dinge, die es zu verstehen gilt, ist, dass das Auge in der Regel zuerst auf die hellste Stelle eines Motivs schaut“.

Dann das Wahrnehmen können und fotografieren von Linien, Formen und Mustern: „Eins der Dinge, die mir über das rein gegenständliche Sehen hinweggeholfen haben, war die Aneignung grafischen Sehens“.

Zudem das bewusste Wahrnehmen von einzelnen Farben, Kennen der mit diesen Farben assoziierten Gefühlen und das Gestalten mit Farbkontrasten: „Farben sind für das menschliche Auge genauso wichtige Blickpunkte wie Helligkeit, Kontrast und Formen“.

 

4. Voraussetzung: Das fotografische Sehen lernen

 

Als viertes zentrales Element nennt er den Begriff „Ausdruck“, meint damit aber nicht nur den Gesichtsausdruck einer Person, sondern jegliche Mimik, Gestik, Zeichen von Zuneigung zur Interpretation der abgebildeten Emotionen. Dies begrenzt er nicht nur auf den menschlichen Körper, sondern fasst diesen Begriff so weit, dass jeglicher Kontext des gewählten Motivs zu seiner Umgebung gemeint ist.

 

Es reiche nicht aus, ein Objekt einfach nach der Drittelregel zu platzieren.

„Die Drittelregel ist besonders dann hilfreich, wenn Sie sich bereits im Klaren darüber sind, wie Ihr Bild in etwa aussehen, und was mit ihm vermittelt werden soll. … Die eigentliche Bildkomposition beginnt mit der Überlegung, wie Ihr Hauptmotiv in Beziehung zu seiner Umgebung steht“.

 

Sein fotografisches Sehen, dieses Wahrnehmen der oben genannten Elemente, fasst Perello anschließend in einen persönlichen visuellen Workflow zusammen.

„Die Technik, die zuvor noch volle Konzentration und viel Übung abverlangt hat, geht mit der Zeit in Fleisch und Blut über, sodass sie wie ein selbstverständlicher Teil von einem wird.“ Damit meint er nicht nur das reine Beherrschen der Kameratechnik, sondern insbesondere auch das fotografische Sehen als Methode.

 

„Dieser feste Ablauf vermeidet unnötige Ablenkungen und ermöglicht mir Dinge zu sehen, die mir ansonsten entgehen würden“.

 

 

Fotobuch-Regal.de - Rezension: Ibarionex Perello - Mein Foto - Vorderseite

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Fotobuch-Regal.de - Rezension: Ibarionex Perello - Mein Foto - Rückseite

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Fazit:

 

Ist das jetzt ein Fotokurs, ein Lehrbuch oder ein Buch zur Inspiration?

 

Ein vollständiges Lehrbuch, mit dem ein Anfänger die ersten Schritte der Fotografie erlernen kann, ist dieses Buch nicht. Inhaltlich setzt es die Kenntnis fotografischer Zusammenhänge, eine Grundbeherrschung der Kamera und erste eigene fotografische Erfahrungen voraus.

Ein Foto-Einsteiger könnte sich aber möglicherweise schnell fotografisch weiterentwickeln wollen und dazu einen Mentor suchen. Diesen fände er dann hier in Perello. Der Autor ist äußert erfahren, sei es als Fotograf, als Fotografielehrer oder als Gesprächspartner über die Fotografie.

 

Ibarionex Perello präsentiert in diesem Buch seine persönliche fotografische Entwicklung, beschreibt dabei ganz offen seine anfänglichen Unzulänglichkeiten und wie der durch einen Erfahrungsprozess lernen und fotografisch wachsen konnte. Mit den im Buch abgedruckten Fotos lässt er den Leser an der Szenerie, seinen eigenen Gedanken bei der Aufnahme als Fotograf, seinem fotografischen Erfolg oder auch seinem Scheitern teilhaben. Man kann auf diese Weise Perellos Lernprozess hervorragend nachvollziehen und eigene Denkanstöße oder Schlussfolgerungen für sich selbst gewinnen.


An und für sich sind die im Buch zu entnehmenden Tipps simpel, in jedem Lehrbuch zu Einzelthemen finden sich detailliertere Auseinandersetzungen z.B. mit der Farblehre- und Harmonie, der Bildgestaltung mit grafischen Strukturen, oder den anderen angesprochenen Elementen.

Andersartig ist hier sein Ansatz, erst die einzelnen Elemente oder Zutaten für ein ansprechendes Foto wahrnehmen zu wollen, danach das Hauptsubjekt zu finden und das Foto zu gestalten. Ähnlich eines abstrakten Expressionisten, bei dem die Formsprache vor dem weiteren Bildinhalt steht. Diese fotografische Vorgehensweise wird häufig bei der Street-Fotografie gewählt, einem Sujet das Perello auch schwerpunktmäßig bearbeitet.

 

Auch wenn sich in diesem Buch keine Vielzahl neuer Weisheiten finden lässt, ist das Buch für einen fotografischen fortgeschrittenen Leser zumindest ein gelungener Denkanstoß, noch einmal über die eigene Arbeitsweise nachzudenken. Perello schreibt, auch wenn das Buch rund 310 Seiten stark ist, sehr kurzweilig und geübt. Man muss auch nicht immer nur Neues lesen, es reicht häufig aus, ehemals Bekanntes und dann Vergessenes sich wieder in Erinnerung zu rufen, um sich dadurch weiter zu vervollkommnen.

 

Sein Konzept zur Einnahme einer passenden Grundstimmung, er nennt es Geisteshaltung, teilt er mit dem Fotografen Jay Maisel. Ich finde es für mich persönlich künftig ratsam, ein derartiges Notizbuch zu führen, da ich mich in den Beschreibungen ebenfalls als Gewohnheitsmensch wiedererkenne. Manche Situationen liegen einem jeden Fotografen mehr als andere, diese sind jedoch individuell unterschiedlich und es ist lohnenswert solche für sich persönlich zu identifizieren. Wenn man dann noch Strategien entwickeln kann, mit den jeweiligen negativen Wahrnehmungen umzugehen, könnte dies eine weitere Optimierung für bessere Bilder sein.

Dies ist aber einer der im Buch geschilderten Ansätze, der über ein normales Lehr-, ein Schulbuch hinausgeht. Es gibt hier weder eine garantierte Lösung noch Erkenntnis, wenn nach Arbeitsschritt 1 + 2 nicht Ergebnis 3 folgt. Jeder Fotograf hat eine ganz eigene visuelle Wahrnehmung und entwickelt einen individuellen Umgang mit Situationen.

 

Das Ergebnis davon nennt sich nach längerer Zeit: Der eigene fotografische Stil.

 


Ibarionex Perello fasst selbst seine Erkenntnis zum eigenen Lernprozess wie folgt zusammen:

„Je länger ich fotografiere, desto klarer wird mir, dass es nicht das technische Wissen ist, was in meiner Fotografie den entscheidenden Unterschied ausmacht. Es ist vielmehr die Anwendung des in der täglichen Praxis erworbenen Wissens, das mich zu einem besseren Fotografen hat werden lassen. Alles Weitere sind nichts als Ausreden“.

 

Oder wie er in einem englischsprachigen Interview sagte:

„Don’t accept your own excuses as to why you can’t go out and shoot. You have to make the time and do it regularly and consistently if you ever hope to be any good as a photographer. Being a weekend or a monthly photo warrior won’t get you anywhere, regardless of how much money you spend on equipment. Shooting and editing, shooting and editing will be the only practice that will ever make you better.”

Eine minimalistische deutsche Übersetzung von diesem Zitat könnte lauten: „Üben, üben, und nochmals üben“.

 

Dieses Buch ist ein leidenschaftliches Plädoyer für mehr fotografische Inspiration und weniger Fototechnik:

Also auf zur Kamera und frisch ans Werk!

 

Buchdaten:

 

Format: Gebundene Ausgabe
   
ca. Maße cm (BxLxT): 19 x 25 x 2,5
Seitenanzahl: 324
ca. Gewicht: 1200 g.
   
Autor(en): Ibarionex Perello
Verlag: dpunkt
Auflage: 1
Erschienen am: 31.05.2019
   
ISBN: 9783864906459
Preis in (D): 34,90 €

 

Links:

 

Ibarionex Perello - Mein Foto*

*

 

Link: Ibarionex Perello - Homepage

Link: The Candid Frame - Podcast

 

Link: dpunkt.Verlag - Homepage

 


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John Gerlach - Barbara Eddy - Naturfotografie mit dem Blitz

John Gerlach - Barbara Eddy - Naturfotografie mit dem Blitz

 Kreatives Licht für Landschaft, Tiere und Pflanzen

 

 

Fotobuch-Regal.de - Rezension: John Gerlach - Barbara Eddy - Naturfotografie mit dem Blitz

 

 

 Inhalt:

 

In diesem Buch von John Gerlach und Barbara Eddy - Naturfotografie mit dem Blitz* geht es speziell um die Fotografie mit Blitzlichtlicht bei Naturthemen.

 

Vor dem Lesen hatte ich dabei primär an die Makrofotografie oder an das „Einfrieren“ von Motiven mit Blitz, wie z.B. von Vögeln im Flug, gedacht.

 

Dieses Buch aus dem dpunkt.Verlag ist eins der großen gebundenen Lehrbücher und rund 270 Seiten stark.

Die Autoren zeigen darin die Materie theoretisch und praktisch von Grund an auf, alle bei der Naturfotografie möglichen Themenbereiche werden erläutert. So werden Porträts von Tieren und Menschen, Pflanzen- und Makrofotos, aber auch ganze Landschaftsfotografie – Motive thematisiert, erklärt und (teilweise mit viel Aufwand) „geblitzt“.

 

Das Autorenpaar ist ein großer Verfechter von originalem Equipment der Firmen Canon und Nikon. Andere etablierte Marken-Hersteller oder die günstigen No-Name-Exemplare aus China wie Yongnuo, Godox … werden lediglich am Rande angesprochen.

Dies sollte für den Leser aber kein Problem sein, da die aufgezeigten Techniken mit allen Geräten nachvollzogen werden können, soweit diese die gleichen Funktionen bieten.

 

Es wird im Buch erklärt, wie man mit einem oder auch mit mehreren Blitzen arbeiten kann, wie diese mit der Kamera und untereinander per Kabel, durch Synchronblitz mit Lichtimpuls oder per Funk verbunden und gesteuert werden können. Wie das Zusammenspiel von Blitz, Kamera, Verschlusszeit und Blitzdauer funktioniert. Wie der Blitz mit TTL oder manuell gesteuert werden kann, wann sich welche Technik anbietet und was eine Highspeed-Synchronisation bedeutet. Welche Lichtarten und -Farben es gibt, was ein störender oder ein gewünschter Kontrast im Bild ist.

Soweit noch das, was in vielen anderen Büchern auch zu lesen ist.

 


Was mir besonders gut gefiel: Fortgeschrittene Blitztechniken im Detail

 

An diesem Punkt fängt dieses Buch erst an, für mich spannend zu werden, da nun die fortgeschrittenen Techniken gezeigt werden, die nicht mehr überall zu lesen sind.

 

Es wird erklärt, dass ein Blitzlicht auf vielerlei Art und Weise eingesetzt werden kann:

  • Als Aufhelllicht.
  • Als gleichberechtigte Lichtquelle; Sonnenlicht und Blitzlicht wirken dann auf dem Foto ausgeglichen, trotzdem kann man die Lichter noch durch Gewichtung tarieren und leichte Schatten erzeugen.
  • Als dominantes Hauptlicht; das Motiv wird vom Hintergrund optisch getrennt und die Sonne wird zum „Aufheller“ degradiert.
  • Dass das Blitzlicht oder das Sonnenlicht sowohl getrennt „nur“ für das Hauptmotiv als auch „nur“ für den Hintergrund wirksam werden kann.
  • Wie die auf dreierlei Arten die Reichweite des Blitzlichts beeinflusst werden kann.
  • Wie man selbst Architekturfotos oder gar Landschaftsaufnahmen mit Blitzlicht ausleuchten kann.
  • Wie bei diese Sujets mehrere Blitze parallel oder in Blitzgruppen eingesetzt werden können.
  • Welche Alternativen bei mangelnder Blitzleistung zum identischen Ergebnis führen: Mehrfachbelichtung bei mehrfachem Blitzeinsatz.
  • Focus-Stacking bei Blitzeinsatz.

 

Die möglichen Techniken zur Auswahl und Steuerung des passenden Blitzlichts und wie dann das Blitzlicht am effektivsten und dosiert eingesetzt werden kann, werden hier ausführlich erklärt und beispielhaft mit Fotos abgebildet.

Gerade dieser sehr große und inhaltlich tiefe Teil des Buches über das Zusammenspiel von Blitz- und Umgebungslicht ist herausragend aus der Masse vergleichbarer Bücher.

 

Nun muss man als Leser nur noch entscheiden, was davon dem persönlichen Geschmack entspricht.

 

Was mir nicht so gut gefiel:

 

Die Bild-Ästhetik vereinzelter Bilder, gerade auf den ersten Seiten ist für mich teilweie gewöhnungsbedürftig; diese wirken auf mich „totgeblitzt“ und dadurch unnatürlich.

 

Viele abgebildete Fotos finde ich ganz hervorragend, bei manchen Bildern sieht man aber auf den ersten Blick, dass massiv mit Blitzeinsatz gearbeitet wurde.

Dies erkennt man zum Beispiel, wenn die Sonne von hinten sichtbar in das Bild scheint, der Vordergrund oder das Gesicht eines Porträts trotzdem stark ausgeleuchtet wurde. Oder wenn am hellen Tag die Kontraste im Bild extrem gering sind, die Schatten wegen einer flächigen Ausleuchtung fehlen. Gerade bei einer „Natur“-Fotografie empfinde ich persönlich das unnatürlich.

 

Dieser Punkt ist aber letztlich eine rein persönliche Geschmacksfrage.

Im Buch wird hervorragend erklärt, wie man die Bilder auch anders gestalten kann, indem man den Blitzanteil unterschiedlich gewichtet, geringer oder gar noch stärker einsetzt.

 

Ein zweiter kleiner Kritikpunkt ist der Schreibstil; ich persönlich finde den deutschen Text an einigen Stellen umständlich formuliert. Ob dies am Originaltext oder an der Übersetzung liegt, kann ich nicht genau beurteilen. Ich fand das Lesen anfangs etwas mühsam, konnte mich dann im weiteren Verlauf aber an den Stil gewöhnen.

 

 

Fotobuch-Regal.de - Rezension: John Gerlach - Barbara Eddy - Naturfotografie mit dem Blitz - Vorderseite

Link: Vergrößern

 

 

Fotobuch-Regal.de - Rezension: John Gerlach - Barbara Eddy - Naturfotografie mit dem Blitz - Rückseite 

Link: Vergrößern

 

 

Fazit:

 

Dies ist ein wirklich umfassendes Buch für den Einsatz von Blitzlicht in der Naturfotografie.

Selbst wenn man zuvor an einen solchen gar nicht gedacht hat, lohnt es sich, diese Techniken kennenzulernen und auch mal selbst ausprobieren. Zudem findet man ein Füllhorn an praktischen Übungen.

 

Ich persönlich finde gerade den ergänzenden Einsatz von Blitzlicht als „natürlichen“ Aufheller sehr wertvoll.

 

 

Buchdaten:

 

Format: Gebundene Ausgabe
   
ca. Maße (BxLxT): 19 x 25 x 2,5 cm
Seitenanzahl: 282
ca. Gewicht: 1.050 g
   
Autor(en): John Gerlach & Barbara Eddy
Verlag: dpunkt
Auflage: 1
Erschienen am: 26.11.2018
   
ISBN: 9783864906220
Preis in (D): 34,90 €

 

 

Links:

 

John Gerlach und Barbara Eddy - Naturfotografie mit dem Blitz*

*

 

Link: John Gerlach - Homepage

Link: Barbara Eddy - Homepage

Link: dpunkt - Verlag

 


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Mario Carnicelli - American Voyage

Mario Carnicelli - American Voyage

Photographs By Mario Carnicelli

 

Fotobuch-Regal.de - Rezension: Mario Carnicelli - American Voyage

 

 

Inhalt:

 

Mario Carnicelli ist Italiener, Jahrgang 1937 und lebt bis heute in Italien.

 

Er kam durch das Fotogeschäft seiner Familie erstmals in Kontakt mit der Fotografie und als junger Mann fotografierte er schließlich selbst, nahm an Fotowettbewerben teil und gewann einige Preise. Er war fasziniert von Edward Hopper, Faulkner, Steinbeck und Family by Man. Carnicelli nahm seine Fotos mit Mittelformat- und 35mm-Kameras sowohl in Schwarz-Weiß als auch in Farbe auf, die meisten davon in Italien.

In den Sechzigerjahren des letzten Jahrhunderts gewann er als 29-Jähriger bei einem Fotowettbewerb der Zeitschrift „Popular Photography“ ein vierwöchiges Stipendium in den USA, gesponsert von den Firmen Mamiya und Pentax. Dies ermöglichte ihm 1966 seine erste Reise nach Amerika. Auf seiner vierwöchigen Tour quer durch die amerikanischen Staaten besuchte er dabei die Städte Detroit, Washington D.C., San Francisco, Buffalo, New York und Chicago.

 

Dieser vorliegende Band Mario Carnicelli - American Voyage* dokumentiert Carnicellis Reise in die USA und seinen ganz persönlichen und humanistischen Blick auf das Land und die Gesellschaft zu dieser Zeit.

Er fotografierte dabei die amerikanische Kultur als europäischer Außenseiter mit einem humanistischen Ansatz. Eine reine Abbildung von Stadtansichten und der Architektur reichte ihm nicht. Er sagt über sich selbst, dass sein Hauptsubjekt auf Bildern immer eine Person sei und Menschen sich durch ihren Ausdruck, ihre Kleidung und ihre Art sich zu bewegen offenbaren. Man verstünde augenblicklich, wo sie herkommen und wo sie hingehen. „Fotografie ist meine Sprache“, sagte er, „mein Subjekt ist die Person, das Menschliche.“

Carnicelli war begeistert von der sorgenlosen Mentalität, dem Happy-Go-Lucky-Spirit und dem überwältigenden Mix und Charme der unterschiedlichen Kulturen. Als Europäer erschienen ihm die USA vor seinem ersten Besuch als ein magisches Land, in dem alles möglich war, selbst ein Aufstieg vom Tellerwäscher zum Millionär.

Seine Fotos dokumentieren neben den zu dieser Zeit aktuellen Moden und Gefühlslagen, den oft schwierigen Versuch der Menschen, diesen amerikanischen Traum zu leben. Schon bei seiner ersten Reise entdeckte er auch die Kehrseiten dieses Traums: „Die Realität wich stark von dem ab, was ich mir vorgestellt hatte.“ Zwar war im Jahrzehnt zuvor die Rassentrennung mittlerweile untersagt und das Wahlrecht für Schwarze eingeführt, jedoch stellte Carnicelli noch eine starke Diskriminierung im Alltag fest. „Die Menschen wirkten einerseits so frei, andererseits so unendlich einsam. Das ganze Land war extrem widersprüchlich“, sagte Carnicelli.

Zudem empfand er Amerika angefüllt mit Individuen, einzelnen Personen, getrennt von dem ihm bekannten Familienleben in Italien. Verglichen mit seinem Heimatland, der dortigen homogenen Kultur und Eingebundenheit in Familien, stieß er in den USA neben einem kulturellen auf einen sozialen „Melting Pot“ mit Klassengegensätzen, bei denen der Unterschied zwischen Arm und Reich stark ausgeprägt war.

 

Mario Carnicelli hat ein sehr gutes Auge für Kontraste, sowohl für fotografische Farbkontraste als auch soziale Kontraste, auch wenn er sagte, die Bilder seien stets zu ihm gekommen, „als wenn sie mich gesucht hätten“. „Eine gute Aufnahme passiert einfach, genau wie die Liebe. Wer sie sucht, der scheitert“ sagte er über seine Arbeitsweise.

Mal zeigt ein Bild einen älteren dunkelhäutigen Mann mit grimmigem Gesicht, der vor einem Schaufenster ausgefüllt mit nur weißen Krankenschwester-Kitteln entlangläuft. Carnicelli bemerkte zu diesem Bild: „Sein Blick, seine Art sich zu kleiden, sein Gang verraten mir alles über diesen Mann." Im Frühjahr 1965 kurz vor Carnicellis Ankunft in den USA war der schwarze Bürgerrechtler Malcom-X erschossen worden.

Mit seinem Bild „Entrepreneurs“ dokumentierte er in New York 1966 aber auch einen gleichzeitig möglichen Rollentausch: zwei elegant in Anzügen gekleidete „schwarze“ Geschäftsleute bei einem gemütlichen Plausch, während im Hintergrund sich „weiße“ Arbeiter abrackern. „Das Foto versinnbildlicht für mich das damals vorherrschende Klima im Land. Alles schien möglich.“

Ein anderes Foto bildet ein sich küssendes junges weißes Pärchen ab, ein daneben sitzender, eigentlich Zeitung lesender dunkelhäutiger Mann und ein anderer älterer im Rollstuhl sitzender Mann beobachten das Pärchen dabei. Gleichzeitig offenbaren sie sich dabei im mehrfachen Sinne als Außenstehende dieser Szene (S. 110/111). „Die Menschen wirkten einerseits so frei, andererseits so unendlich einsam, sagte Carnicelli in einem Interview.

Weitere Bilder kontrastieren bei einer wirren Doppel-Kundgebung Menschen gegen den Vietnamkrieg demonstrierend (Seite 65 und 65) mit anderen Seite an Seite stehenden, aber jeweils in eine andere Richtung schauend, diese in Fantasieuniformen gekleidet und Hakenkreuzfahnen hochhaltend (S. 66 und 67); alle Bilder Dallas 1967.

 

Carnicelli praktizierte Street-Photography, seine Fotos zeigen das öffentliche Leben zu dieser Zeit und somit dem heutigen Betrachter schon vergessene Szenen:

 

Öffentliche, enge Münzfernsprecher am Flughafen Chicago 1966, in einem Zeitalter ohne Mobilfunk und besetzt mit darin Zigarette rauchenden Menschen (Seite 19), auf der Straße schlange-stehende Arbeitslose vor einem Jobcenter, Chicago 1966 (S. 28/29); einen 60er-Jahre „Hippie“ als Zeitungsverkäufer in San Francisco 1967 (S. 84). Sowohl die Hippies, Telefonzellen, in Flughäfen rauchende Menschen, als auch die Nachrichten auf Papier an sich erscheinen heutzutage fast ausgestorben zu sein.

Die Fotos selbst haben wegen der oft verwandten Mamiya-Universal-6x9 - Mittelformat-Kamera und des damaligen Filmmaterials einen ganz eigenen Charme. Weiches Hintergrund-Bokeh vereint mit nostalgischen Pastell-Farben.

Bei den Schwarz-Weiß-Bildern dominieren gezielt eingesetzte Elemente wie Linien oder grafische Einrahmungen. Carnicelli meinte zwar, er würde seine Fotos nicht komponieren, seine Bilder zeigen aber starke harmonische Farbkontraste wie das Titelbild des Schutzumschlags (Blau-Rot-Gelb; Fashion Students, New York 1966), eine Straßenszene dominierend in Rot-Blau-Rot (Red Lights, Chicago 1966, S. 45) oder seine allgemeine Vorliebe für blaue oder rote Farbtöne (Red Door, Stanford 1966, S. 89). Zudem sind viele sozialkritische Bilder etwas weniger stark belichtet und zeigen einen düsteren Tenor mit bunten Farben als Eye-Catcher.

Farben sind für das menschliche Auge genauso wichtige Gestaltungselemente wie Helligkeit, Kontraste, Linien und Formen. Rot und Gelb im Foto ziehen den Blick an, verleihen einem Bild Energie und Begeisterung, Blautöne assoziieren Trauer und Einsamkeit. Ein Farbkontrast kann Harmonie oder Anspannung selbst bei statischen Motiven auslösen, je nachdem wie die Farben gewählt wurden.

 

Die Bilder seiner ersten Reise stellte er schon direkt im Anschluss in Mailänder Pirelli-Tower unter dem Titel „I’m sorry, America!“ aus.

Als entschuldige er sich mit diesem Titel für seinen persönlichen Blick auf Amerika als Außenseiter. Carnicelli hatte den Anspruch das wirkliche Amerika, den einfachen Menschen und das dortige Tagesgeschehen abzulichten. „Es tut mir leid“ erklärte der heute 80-Jährige, „aber so habe ich das Land eben gesehen. Ich hatte mir den amerikanischen Traum toller vorgestellt.“

In den Jahren danach folgten 1967 und 1969 weitere Reisen dieser Art. Später in den frühen Siebzigern gab er die eigene Fotografie auf und widmete sich ganz dem Betrieb eines eigenen Fotoladens in Florenz, er handelte nur noch mit Fotogerätschaften.

Erst als er sein Geschäft im Jahr 2010 schloss, wurden seine Tausende Negative nach 50 Jahren achtlos im Keller lagernd, erstmals für die Öffentlichkeit wiederentdeckt. Seine deutsche Mitarbeiterin Bärbel Reinhard sichtete diese teilweise vom Hochwasser verklebten, verschimmelten Bilder und scannte die Aufnahmen ein. Heute ist sie die Kuratorin des Carnicelli-Archivs.

 

Nach Sichtung aller Bilder wurden im Jahr 2018 über 150 Farb- und S/W-Fotos für eine Ausstellung von Mario Carnicellis Arbeiten in der David Hill Gallery in Ladbroke Grove, London, ausgewählt. Dieses Buch ist gleichzeitig der begleitende Katalog zur Ausstellung, es erschien im britischen Reel Art Press Verlag mit rund 160 Seiten.

 

 

Fotobuch-Regal.de - Rezension: Mario Carnicelli - American Voyage - Vorderseite

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Fotobuch-Regal.de - Rezension: Mario Carnicelli - American Voyage - Rückseite

Link: Vergrößern

 


Fazit:

 
Ich finde, dass dieses Buch einen grandiosen Einblick in den USA-Alltag der Sechziger gibt.

Dabei zeigt es aus der Perspektive eines Außenseiters karge, aber stimmungsvolle Motive, die verschiedenste Unterschiede offenbaren. So wie er auf einem Bild direkt nach seiner ersten Ankunft noch etwas unsicher mit seiner Kamera in der Hand selbst porträtiert wird (S. 9), bildet Carnicelli vergleichbar mit der authentischen Street-Art-Fotografie einer Vivian Maier die Gesellschaft dieser Zeit ungeschönt ab.

Beide sind an den abgebildeten Personen interessiert und denken bei der Aufnahme weniger an ein späteres Publikum.

Bei beiden geht das fotografische Werk über einen langen Zeitraum für die Öffentlichkeit verloren und taucht erst später mehr durch Zufall wieder auf.

 

Das Buch ist auch ein Appell an die Gegenwart, diese ebenso detailliert und kritisch festzuhalten. Das was wir heute als alltäglich und normal empfinden, könnte für nachfolgende Generationen einen ähnlichen Reiz ausüben. So wie enge Telefonzellen mit Klappsitzen im heutigen Mobilfunkzeitalter fast nicht mehr vorstellbar sind, stellt man bei genauerer Überlegung fest, dass dieses digitale Wunder erst Ende der Achtziger bzw. Anfang der 90er mit dem D-Netz flächendeckend möglich wurde.

In zwanzig weiteren Jahren wird die nachfolgende Generation andere Wunder erleben und mit unseren Fotos über unseren heutigen Alltag schmunzeln.

 

Dieses schön gemachte Hardcover Buch mit Schutzumschlag und seine Einblicke sind ein toller Gegenwert für den Kaufpreis von rund 27 Euro.

 

È stato un piacere per me, grazie Mario!

 

 

Buchdaten:

 

Format: Gebundene Ausgabe
   
ca. Maße cm (BxLxT): 23,5 x 28 x 2
Seitenanzahl: 144
ca. Gewicht: 1.050 g
   
Autor(en): Mario Carnicelli
Verlag: RAP Reel Art Press
Auflage: 1
Erschienen am: 10.06.2018
   
ISBN: 9781909526570
Preis in (D): 26,77 €

 

Links:

 

Mario Carnicelli - American Voyage*

*

 

Link: mariocarnicelli.com - Homepage

 

Link: www.reelartpress.com

Link: RAP - Mario Carnicelli - Katalog-Vorschau - American Voyage

 

Link: David Hill Gallery - Homepage

Einen sehr guten ersten Eindruck kann man sich auch im 17seitigen Ausstellungsprospekt der Ausstellungsgalerie von David Hill verschaffen:

Link: David Hill Gallery - Carnicelli - American Voyage - PDF-Download

 


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von Vasco R. Tintrup, Herausgeber:

www.Fotobuch-Regal.de - Vasco R. Tintrup width=

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